Ein Smartphone, das sich selbst unbrauchbar macht, sobald jemand das Gehäuse öffnet: Mit dem Boeing Black stieg ausgerechnet ein Flugzeugbauer in den Handymarkt ein. Das Gerät war nie für Privatkunden gedacht und verschwand still wieder. Der Rückblick zeigt, was das Boeing Black ausmachte, welche Krypto-Handys danach kamen und welche Schutzfunktionen heute in jedem Smartphone stecken.
Boeing Black: das Smartphone des Flugzeugbauers
Bekannt wurde das Gerät im Februar 2014 durch Unterlagen, die Boeing bei der US-Regulierungsbehörde FCC eingereicht hatte. Jedes Funkgerät braucht in den USA eine solche Zulassung. Boeing bat darum, technische Details vertraulich zu behandeln, und gab nur einen Teil der Informationen frei.
Zielgruppe waren Regierungsbehörden, Militär und Unternehmen aus der Verteidigungs- und Sicherheitsbranche, die mit vertraulichen Daten arbeiten. Boeing selbst ist nicht nur Flugzeughersteller, sondern auch einer der größten Rüstungskonzerne der Welt und kannte die Anforderungen dieser Kunden. Ein Verkauf im Handel war nie geplant, Kunden und Stückzahlen wurden nicht veröffentlicht.
Selbstzerstörung beim Öffnen
Das auffälligste Merkmal war der Manipulationsschutz. Das Gehäuse war verklebt und verschraubt, die Schrauben mit Siegeln gesichert. Wurde es geöffnet, sollte das Gerät alle gespeicherten Daten löschen und sich dauerhaft unbrauchbar machen. Ein Akkutausch durch den Nutzer war damit ausgeschlossen. Wie genau der Mechanismus funktionierte, legte Boeing nie offen.
Software und Verschlüsselung
Das Boeing Black lief mit einer angepassten Android-Version. Daten auf dem Gerät waren verschlüsselt, die Schlüssel in der Hardware geschützt. Ein sicherer Startvorgang prüfte beim Einschalten, ob Betriebssystem und Firmware unverändert sind. Über Dual-SIM konnte das Gerät gleichzeitig in einem staatlichen und einem kommerziellen Mobilfunknetz arbeiten.
Technische Daten
- Display: 4,3 Zoll, 960 x 540 Pixel
- Prozessor: Dual-Core ARM Cortex-A9 mit 1,2 GHz
- Akku: 1.590 mAh, fest verbaut
- Mobilfunk: Dual-SIM, LTE, dazu WLAN und Bluetooth
- Anschlüsse: USB, HDMI und PDMI, eine Schnittstelle für Zubehör und Erweiterungen
- Erweiterungen: Module etwa für Satellitenkommunikation, Biometrie oder zusätzliche Akkus waren vorgesehen
Schon für 2014 waren diese Werte bescheiden. Beim Boeing Black ging es nicht um Leistung, sondern um Kontrolle über Hardware und Software.
Partnerschaft mit BlackBerry und stilles Ende
Im Februar 2016 gaben Boeing und BlackBerry eine Zusammenarbeit bekannt: Das Boeing Black sollte mit der Sicherheitsplattform von BlackBerry verwaltet werden, die Behörden und Unternehmen bereits für ihre Mitarbeiterhandys nutzten. Danach wurde es still um das Gerät. Ein Nachfolger wurde nie angekündigt.
Skepsis begleitete das Projekt von Beginn an. Die frühere Boeing-Tochter Narus stellte Technik zur Überwachung von Datenverkehr her, was nach den Enthüllungen von Edward Snowden 2013 Fragen aufwarf. Zudem bleibt jedes Gerät mit USB- und HDMI-Anschluss angreifbar, wenn Sicherungen in Software umgesetzt sind.
Krypto-Handys nach dem Boeing Black
Blackphone: Datenschutz für alle
Anfang 2014, fast zeitgleich mit dem Boeing Black, stellten Silent Circle und der spanische Hersteller Geeksphone das Blackphone vor. Silent Circle war unter anderem von Phil Zimmermann gegründet worden, dem Entwickler der E-Mail-Verschlüsselung PGP. Das Blackphone richtete sich an Privatleute und Firmen, lief mit dem gehärteten Android-System PrivatOS und brachte verschlüsselte Telefonie und Nachrichten mit. 2015 folgte das Blackphone 2. Wirtschaftlich blieben beide Geräte erfolglos.
Das „Merkelphone“ und SecuSUITE
In Deutschland ist das abhörsichere Regierungshandy als „Merkelphone“ bekannt. Der Begriff verbreitete sich 2013, als herauskam, dass der US-Geheimdienst NSA das Handy der damaligen Kanzlerin abgehört hatte. Die Technik stammt von Secusmart aus Düsseldorf. Anfangs sorgte eine Verschlüsselungskarte im Speicherkartensteckplatz für geschützte Gespräche, die Software SecuSUITE lief zunächst auf BlackBerry-10-Geräten. 2014 übernahm BlackBerry das Unternehmen. Heute läuft SecuSUITE auf Samsung-Smartphones mit der Sicherheitsplattform Knox. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) hat die Lösung für Verschlusssachen der Stufe „VS – Nur für den Dienstgebrauch“ (VS-NfD) zugelassen.
Kriminelle Krypto-Netze
Die Schattenseite der Krypto-Handys zeigte sich bei Anbietern, die ihre Geräte gezielt an Kriminelle verkauften:
- EncroChat: 2020 gelang französischen und niederländischen Ermittlern der Zugriff auf das Netz. Millionen Nachrichten wurden mitgelesen, in ganz Europa folgten Festnahmen, auch in Deutschland.
- Sky ECC: 2021 wurde auch dieses Netz von belgischen, niederländischen und französischen Behörden entschlüsselt.
- ANOM: Dieses Netz wurde vom FBI selbst betrieben. Kriminelle nutzten die Geräte im Glauben an sichere Kommunikation. Im Juni 2021 machten die Behörden die Operation Trojan Shield öffentlich, weltweit gab es Hunderte Festnahmen.
Die Lehre aus diesen Fällen: Verschlüsselung ist nur so sicher wie der Anbieter, der sie betreibt, und das Gerät, auf dem sie läuft.
Was davon heute in jedem Smartphone steckt
Vieles, was 2014 als Spezialtechnik galt, ist heute Standard in gewöhnlichen Smartphones.
Ende-zu-Ende-Verschlüsselung
Messenger wie Signal und WhatsApp verschlüsseln Nachrichten und Anrufe mit dem Signal-Protokoll so, dass nur Absender und Empfänger sie lesen können, nicht einmal der Anbieter. Signal ist quelloffen und speichert kaum Metadaten.
Geräteverschlüsselung und Sicherheitschips
Aktuelle iPhones und Android-Geräte verschlüsseln den Speicher automatisch, sobald eine Bildschirmsperre eingerichtet ist. Die Schlüssel liegen in eigenen Sicherheitschips: bei Apple in der Secure Enclave, bei Google-Pixel-Geräten im Titan-M-Chip. Wer die PIN nicht kennt, kommt an die Daten praktisch nicht heran.
Selbstlöschung und Fernlöschung
Die Selbstzerstörung des Boeing Black gibt es heute als Software-Funktion. Auf dem iPhone lässt sich einstellen, dass nach zehn falschen Code-Eingaben alle Daten gelöscht werden. Über „Wo ist?“ bei Apple und „Mein Gerät finden“ bei Google lässt sich ein verlorenes Handy aus der Ferne sperren oder löschen.
Lange Update-Versorgung
Jedes Smartphone ist nur so sicher wie seine Software. Deshalb zählt die Dauer der Sicherheitsupdates. Google sagt für seine Pixel-Geräte ab dem Pixel 8 sieben Jahre Updates zu, Samsung ab der Galaxy-S24-Reihe ebenfalls sieben Jahre. Apple versorgt iPhones erfahrungsgemäß mindestens fünf bis sechs Jahre. Ein altes Smartphone ohne Updates ist dagegen offen für bekannte Sicherheitslücken, egal wie gut es ursprünglich geschützt war.
Schutz für besonders gefährdete Personen
Seit iOS 16 bietet Apple den Blockierungsmodus. Er schaltet Funktionen ab, die Angreifer häufig ausnutzen, etwa bestimmte Nachrichtenanhänge und Webtechniken. Gedacht ist er für Journalisten, Aktivisten oder Politiker. Für Google-Pixel-Geräte gibt es mit GrapheneOS ein gehärtetes, quelloffenes Android.
So sicherst du dein Smartphone ab
- Installiere System- und App-Updates zeitnah, am besten automatisch.
- Nutze eine sechsstellige oder längere PIN statt eines Wischmusters.
- Stelle die automatische Bildschirmsperre auf eine kurze Zeit ein.
- Aktiviere „Wo ist?“ auf dem iPhone oder „Mein Gerät finden“ auf Android.
- Auf dem iPhone: Unter Einstellungen, Face ID & Code, die Option „Daten löschen“ einschalten, wenn du kein Risiko durch Kinder oder Fehleingaben siehst.
- Prüfe regelmäßig, welche Apps Zugriff auf Kamera, Mikrofon, Standort und Kontakte haben.
Häufige Fragen
Konnte man das Boeing Black kaufen?
Nein. Das Gerät wurde nur über Verträge an Behörden und Unternehmen aus dem Sicherheitsbereich geliefert. Im Handel war es nie erhältlich.
Ist das Boeing Black dasselbe wie das Blackphone?
Nein. Das Boeing Black war ein Gerät für Regierungskunden. Das Blackphone stammte von Silent Circle und Geeksphone und war für Privatleute und Firmen gedacht. Beide wurden 2014 bekannt, daher werden sie oft verwechselt.
Was ist das Merkelphone?
So heißt umgangssprachlich das verschlüsselte Diensthandy der Bundesregierung. Die Technik SecuSUITE stammt von Secusmart aus Düsseldorf und läuft heute auf Samsung-Smartphones.
Brauche ich als Privatperson ein Krypto-Handy?
In der Regel nicht. Ein aktuelles Smartphone mit Updates, starker PIN und einem Messenger mit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung bietet für den Alltag guten Schutz.