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Google Project Ara: das modulare Smartphone und was davon blieb

Ein Smartphone, das sich wie ein Baukasten zusammenstecken lässt: bessere Kamera einschieben, größeren Akku einsetzen, defektes Teil selbst tauschen.

Ein Smartphone, das sich wie ein Baukasten zusammenstecken lässt: bessere Kamera einschieben, größeren Akku einsetzen, defektes Teil selbst tauschen. Mit Project Ara wollte Google diese Idee zur Serienreife bringen. Das Projekt scheiterte, doch die Frage, wie lange ein Handy halten kann und wer es reparieren darf, ist aktueller denn je.

Vorläufer: Modu und Phonebloks

Modu aus Israel

Die erste bekannte Umsetzung eines modularen Handys kam aus Israel. Die Firma Modu wurde von Dov Moran gegründet, der zuvor mit M-Systems den USB-Stick mitentwickelt hatte. 2008 zeigte Modu ein sehr kleines Mobiltelefon, das in verschiedene Hüllen, sogenannte Jackets, gesteckt werden konnte. Je nach Jacket wurde daraus ein Kamerahandy, ein Musikspieler oder ein Telefon mit größerer Tastatur. Der kommerzielle Erfolg blieb aus, 2011 stellte Modu den Betrieb ein. Google übernahm im selben Jahr die Patente.

Phonebloks

Im September 2013 veröffentlichte der niederländische Designer Dave Hakkens ein Video mit dem Titel „Phonebloks“. Darin zeigte er ein Handy aus Steckbausteinen auf einer Grundplatte, bei dem jeder Baustein einzeln getauscht werden kann. Sein Argument: Statt alle zwei Jahre ein komplettes Gerät wegzuwerfen, ersetzt man nur das Teil, das alt oder kaputt ist. Das Video wurde millionenfach angesehen und machte die Idee weltweit bekannt.

Project Ara: Googles modulares Smartphone

Project Ara entstand bei ATAP (Advanced Technology and Projects), einer Forschungsgruppe von Motorola, die damals zu Google gehörte. Leiter des Projekts war Paul Eremenko. Im Oktober 2013 machte Motorola Ara öffentlich und kündigte eine Zusammenarbeit mit Phonebloks an. Als Google Motorola Anfang 2014 an Lenovo verkaufte, blieben ATAP und Project Ara bei Google.

Aufbau: Rahmen plus Module

  • Endoskelett: Das einzige feste Teil war ein Metallrahmen, das „Endo“. Geplant waren drei Größen: mini, medium und large.
  • Module: Display, Prozessor, Akku, Kamera, Lautsprecher, Speicher und Sensoren sollten als einzelne Bausteine in den Rahmen geschoben werden.
  • Halt: Elektropermanente Magnete hielten die Module fest. Sie brauchen nur zum Umschalten Strom und lassen sich per Software lösen.
  • Datenverbindung: Die Module kommunizierten über UniPro, einen Schnittstellen-Standard der MIPI Alliance.
  • Offener Standard: Jeder Hersteller sollte Module nach einer frei verfügbaren Spezifikation bauen können, ähnlich wie Steckkarten beim PC.

Die Prototypen entstanden in mehreren Entwicklungsstufen, die das Team „Spiral“ nannte. Ein erklärtes Ziel war, Module im laufenden Betrieb zu tauschen, ohne das Gerät neu zu starten. Gerade dieser Wechsel im Betrieb galt als eine der größten technischen Hürden.

Im April 2014 fand die erste Ara-Entwicklerkonferenz in Mountain View statt. Google stellte dort die Spezifikation vor und zeigte frühe Prototypen. Als Ziel nannte das Team ein einfaches Grundgerät zu einem sehr niedrigen Preis, das Käufer nach und nach aufrüsten.

Warum Project Ara scheiterte

Verschobener Marktstart

Anfang 2015 kündigte Google einen Testverkauf in Puerto Rico an. Er fand nie statt. Das Team begründete die Verschiebung unter anderem damit, dass die Magnete bei Falltests nicht zuverlässig genug hielten.

Neues Konzept auf der Google I/O 2016

Im Mai 2016 zeigte Google auf seiner Entwicklerkonferenz I/O ein deutlich verändertes Ara. Prozessor, Display, Arbeitsspeicher und Akku saßen nun fest im Rahmen. Tauschen ließen sich nur noch Zusatzmodule wie Kamera, Lautsprecher oder Zusatzakku. Eine Entwicklerversion wurde für Herbst 2016 angekündigt. Im September 2016 stellte Google Project Ara dann vollständig ein.

Die technischen und wirtschaftlichen Gründe

  • Platz und Gewicht: Jede Steckverbindung braucht Kontakte, Gehäusewände und Halterungen. Ein modulares Gerät wird dadurch dicker und schwerer als ein vergleichbares fest verbautes Smartphone.
  • Energie: Die Schnittstellen zwischen den Modulen verbrauchen zusätzlich Strom.
  • Stabilität: Lose Verbindungen sind bei Stürzen ein Risiko, gleichzeitig mussten die Module leicht lösbar bleiben.
  • Kosten und Zulassung: Jedes Modul und jede Kombination muss funktionieren und gegebenenfalls eine Funkzulassung haben. Das treibt Entwicklungsaufwand und Preise.
  • Strategie: Google baute ab 2016 mit der Pixel-Reihe eigene Smartphones und setzte dort auf fest verbaute Technik.

Andere modulare Ansätze

Zwei große Hersteller versuchten 2016 eine abgeschwächte Form der Modularität:

  • LG G5: Das Unterteil ließ sich herausziehen und gegen Module wie einen Kameragriff oder einen HiFi-Audiowandler tauschen. LG verzichtete schon beim Nachfolger G6 wieder darauf.
  • Motorola Moto Z: Magnetisch haftende Moto Mods auf der Rückseite brachten etwa Zusatzakku, Lautsprecher, Projektor oder Kamera mit optischem Zoom. Motorola führte das System über mehrere Generationen bis zum Moto Z4 von 2019 fort, danach lief es aus.

Was von der Idee geblieben ist: Reparierbarkeit

Der Baukasten hat sich nicht durchgesetzt. Das ursprüngliche Ziel, Smartphones länger zu nutzen und Elektroschrott zu vermeiden, verfolgen heute andere Hersteller und die Gesetzgebung, nur mit einem anderen Weg: Reparieren statt Aufrüsten.

Fairphone

Das Sozialunternehmen Fairphone aus Amsterdam brachte Ende 2015 das Fairphone 2 heraus, das als erstes modular aufgebautes Smartphone in Serie gilt. Display, Kamera, Lautsprecher und Akku lassen sich mit wenigen Handgriffen tauschen. Die Nachfolger Fairphone 5 (2023) und Fairphone 6 (2025) setzen das fort: Ersatzteile gibt es direkt beim Hersteller, zum Wechseln reicht ein handelsüblicher Feinmechaniker-Schraubendreher. Dazu kommen lange Zusagen für Android-Updates.

SHIFTphone

SHIFT aus Falkenberg in Hessen verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Die SHIFTphones sind verschraubt statt verklebt, der Hersteller bietet Ersatzteile und Anleitungen an, einzelne Komponenten wie Kamera-Module lassen sich tauschen.

Neue EU-Regeln

Seit dem 20. Juni 2025 gilt in der EU die Ökodesign-Verordnung für Smartphones und Tablets. Sie schreibt unter anderem vor:

  • Ersatzteile müssen bis sieben Jahre nach Verkaufsende eines Modells lieferbar sein.
  • Betriebssystem-Updates müssen mindestens fünf Jahre nach Verkaufsende bereitgestellt werden.
  • Akkus müssen nach 800 vollen Ladezyklen noch mindestens 80 Prozent ihrer Kapazität haben.
  • Ein EU-Energielabel zeigt unter anderem eine Reparierbarkeitsklasse von A bis E sowie Akkulaufzeit und Sturzfestigkeit.

Die EU-Batterieverordnung geht noch weiter: Ab Februar 2027 sollen Akkus in Geräten grundsätzlich vom Nutzer selbst entnommen und ersetzt werden können. Für besonders langlebige Akkus sind Ausnahmen vorgesehen.

Checkliste: So findest du ein reparierbares Handy

  • Auf dem EU-Energielabel die Reparierbarkeitsklasse ansehen.
  • Prüfen, ob der Hersteller Ersatzteile wie Akku, Display und USB-Buchse selbst verkauft.
  • Auf verschraubte statt verklebte Rückseiten achten.
  • Die Update-Zusage in Jahren vergleichen, nicht nur die Android-Version beim Kauf.
  • Nach Reparaturanleitungen beim Hersteller oder auf Plattformen wie iFixit suchen.

Häufige Fragen

Was war Project Ara?

Ein Projekt von Google für ein modulares Smartphone, bei dem Display, Kamera, Akku und weitere Teile als einzelne Module in einen Rahmen gesteckt werden sollten. Es wurde 2013 vorgestellt und 2016 eingestellt.

Konnte man ein Ara-Smartphone kaufen?

Nein. Es gab nur Prototypen und Entwicklermuster. Der geplante Testverkauf in Puerto Rico und die angekündigte Entwicklerversion kamen nie zustande.

Gibt es heute modulare Smartphones?

Einen echten Baukasten wie Ara gibt es nicht. Geräte wie das Fairphone oder das SHIFTphone sind aber so gebaut, dass Nutzer Akku, Display, Kamera und andere Teile selbst tauschen können.

Muss der Akku bald bei allen Handys tauschbar sein?

Die EU-Batterieverordnung sieht das ab Februar 2027 grundsätzlich vor. Für Akkus, die besonders viele Ladezyklen ohne großen Kapazitätsverlust schaffen, gelten Ausnahmen.